Orakelkarten
Zum Begriff
Der Begriff "Orakelkarten", ist heute vielleicht nicht mehr ganz passend,
denn die Technik des Kartenlesens hat sich vielfach gewandelt,
von der fatalistischen Interpretation, hin zu einer individuellen,
psychologisch fundierten Deutung.
Doch trotz allem wird die Bezeichnung "Orakelkarten" und auch die damit
verbundene "Wahrsagerei" im Sprachgebrauch weitergeführt - und in Ermangelung
eines treffenderen Begriffs, lasse ich es auch hier dabei bewenden.
Orakelkarten - gestern und heute
Die Geschichte der Orakelkarten reicht einige Jahrhunderte zurück,
nachweislich bis zu dem berühmten "Visconti-Sforza-Tarot", welches in der
Mitte des 15. Jahrhunderts entworfen wurde und damit zum "Urbild" des Tarot wurde.
Bereits wenige Jahre später, nämlich im Jahr 1505 erschien in Deutschland das erste
Buch über die Kunst des Kartenlegens unter dem Titel "Eyn Losbuch ausz der Karten gemacht"
und spätestens seit dieser Zeit hat das Interesse an der Karteninterpretation
beständig angehalten.
Wer heute etwas über das Kartenlegen erfahren möchte, hat dann schon mehr die
Qual der Wahl, denn über 200 verschiedene Kartendecks sind im In- und Ausland
erhältlich, nebst zugehörigen Publikationen zum ordnungsgemäßen Gebrauch.
Vielfach gibt es Standard-Werke, die in jeder Buchhandlung zu finden sind
und dem Neuling als "Anfängerlektüre" gleich in die Hand gedrückt werden.
Kaum erfolgt eine sinnvolle Beratung.
Wer erstmals in den Kontakt mit Orakelkarten kommt und/oder mit dem Gedanken spielt,
sich welche anzuschaffen, sollte vorab eine Buchhandlung oder einen
gutsortierten Esoterikladen aufsuchen, der über ein möglichst großes
Angebot an vielfältigen Tarot- und Orakelkarten verfügt.
Besonders schön ist es dann noch, wenn der Besitzer
so freundlich ist und die Karten anschauen läßt...(nicht nur
die Abbildungen auf der Verpackung)... dies ist aber eher die Ausnahme.
Hat man jedoch soviel Glück, so wird der Zugang zu den Karten
und die Auswahl des Decks letztlich gar nicht so schwierig,
wie man vielleicht zunächst vermuten würde.
Die Art und Weise der Gestaltung, die Symbolik, die Farbgebung,
wie auch die dargestellten Szenen sprechen den Betrachter auf eine Weise an,
die mit dem berühmten Kunstgeschmack vergleichbar ist - "dem ehn sin Uhl, is
dem annern sin Nachtigall" Es geht also nicht darum, sich ein Kartendeck zu kaufen,
weil es "die Freundin" hat oder "weil alle sagen, dass es toll ist",
sondern allein um das persönliche Gefallen.
Warum? Darauf kommen wir weiter unten nochmal zu sprechen!
Was zeigen uns die Karten?
Die bildlichen Darstellungen der Karteninhalte sind so unterschiedlich,
wie die Künstler, die sie entworfen und die Meister, die sie angeregt
und/oder interpretiert haben. Die Karten bedienen sich der Allegorien und Symbole,
um ihre Inhalte zu verdeutlichen, manchmal sehr einfach und abstrakt im Hinblick auf
die Deutung, wie beispielsweise bei den Skat-Karten, manchmal in mythologischen oder
szenischen Darstellungen (Kipper-, Lenormand-, und verschiedene Tarotkarten) oder
in der ausladenen Farb- und Formgebung der Symbole (u.a. Crowley-Tarot).
Damit sind wir auch generell schon am Kern der Sache angelangt, nämlich bei der
Bildsprache, mittels der die Karten ihre Bedeutung für den Fragenden und seine
Situation verdeutlichen.
Die Bildersprache
Die Bedeutung von Symbolen, in ihrer vielfältigen Gestaltungsform,
ist nicht erst seit der Entwicklung der Tiefenpsychologie bekannt, wenngleich
sie dadurch auch bekannter geworden ist. Symbole und Allegorien finden sich in
allen Kulturen, zu allen weitergehend bekannten Entwicklungsstufen der Menschheit.
Symbole haben die Eigenschaft, mittels eines einzelnen Zeichens
(oder der Verbindung von mehreren Zeichen) weitreichende Inhalte und vielschichtige
Sachverhalte darzustellen. Ein Symbol oder eine Allegorie unterscheidet zunächst
nicht in "gut und böse", sondern es thematisiert. Die Kategoriesierung
erfolgt erst durch den Menschen, durch seine Erfahrungen mit diesem Symbol und mit der
speziellen, individuellen Bedeutung, die dieses Zeichen oder Bild für ihn hat.
Dazu ein Beispiel:
Fast jeder kennt den Tod als Sensenmann und taucht eine solche Gestalt auf einem Bild,
in einem Traum oder auf einer Spielkarte auf, so wird die Bedeutung mittels dieser
Allegorie schnell klar. Dem Grunde nach steht diese Darstellung also für den Tod,
doch der Tod als Begriff geht viel weiter in seiner Tiefgründigkeit:
Er steht sinnbildlich dafür, sich mit dem Endlichen auseinanderzusetzen,
es geht um Endgültiges und auch um Loslassenkönnen, er setzt (andere)
Maßstäbe und er fordert auf, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen oder von
etwas getrennt zu werden. Der Tod deutet hin auf Unausweichliches und auch auf die
Möglichkeit, "ihm nochmals ein Schnippchen zu schlagen".
Er ist die "letzte Instanz", er entscheidet über das Wann, Wo und Wie.
Er kann sanft sein, aber auch grausam und brutal. Gleichzeitig ist er ein Symbol der
Wandlung und des Neuanfangs. Er birgt also "negative wie positive"
Elemente gleichzeitig in sich. Und dies sind nur einige Inhalte seines Wesens und
seiner Bedeutung.
Auch ist die Darstellung des zuvor erwähnten Themas über weitaus mehr
Symbole und Allegorien denkbar, als ausschließlich über den "Sensenmann".
Das "Kreuz", eine "Höhle" aber auch eine "verlöschende
Kerze oder Fackel" ein "Skelett" oder eine "Garbe",
ein "Stundenglas" und viele weitere sinnbildliche Darstellungen können
auf einen solchen Themenbereich hinweisen.
Somit erfordert die Interpretation eine gute Kenntnis in der Symbolik,
in der Psychologie, aber auch in den vielfach verwendeten Themen der
unterschiedlichen Kulturen und Religionen, der Mythologie, der Alchemie,
der Farblehre, etc, aus denen Zeichen und inhaltliche übersetzungen
Eingang in die Bildersprache der Orakelkarten finden.
Die Be-/Deutung
Dieser Vielschichtigkeit und der individuellen Bedeutung eines Symbols für
den Fragenden, gilt es mittels der Orakelkarten auf die Spur zu kommen.
"Wahrsagen" heißt daher nicht, den "großen, dunkelhaarigen
Mann (1,86 Meter), Schuhgröße 44, nächste Woche, nachmittags in einem
Straßencafé in der Innenstadt" vorherzusagen, sondern die eigene,
innere Wahrheit (wieder) zu finden, wenn wir uns in Bezug auf eine Sache oder
eine Entscheidung unschlüssig sind und den "Wald vor lauter Bäumen
nicht mehr sehen können".
Nach dem griechischen Philosophen ORIGINES läßt sich auch hier ein
"dreifacher Sinn" der Zeichendeutung finden, nämlich ein
buchstäblicher, ein moralischer und ein allegorischer. Die Interpretation der
Orakelkarten findet hauptsächlich auf der allegorischen, aber auch auf der
moralischen Ebene statt, nämlich durch das "Anderssagende" der
Bildersprache, in der Be-/Deutung auf und für den Menschen als Individuum und
sein Leben und Handeln in der Gemeinschaft, wie auch in seiner Abstimmung zwischen
Wesen, Willen und gesellschaftlicher Moral.
Die Orakelkarten enthalten damit den "Symbolschlüssel" zu unserer
eigenen Gewissheit. über die Beschäftigung mit den Karten und ihren
Inhalten, über die individuelle Deutung und Reflexion dessen, was sie in
uns zu einer bestimmten Frage oder Situation auslösen, nähern wir uns
dem Teil in uns, der ansonsten vielleicht kein "Mitspracherecht" bekommen hätte.
Diesem Part Gehör zu verschaffen, ihn zu Wort kommen zu lassen und eine
Meinungsbildung, getragen von Herz und Verstand, zu erreichen, gehört mit
zur verantwortungsvollen Beratung mittels der Orakelkarten.
Mehr zum Thema Symbole und Symboldeutungen unter: http://www.symbolanalyse.de